„Wir lieben Vielfalt.“ Dieses Statement steht nicht nur auf dem Demoplakat des Bezirksverbands Oberbayern (siehe Foto). Es ist auch wichtiger Bestandteil der täglichen Arbeit in den Kindertageseinrichtungen der AWO Oberbayern. Hier wird Vielfalt erlebbar – mit all ihren verschiedenen Bedürfnissen, Kulturen und sozialen Hintergründen. In den Kindertageseinrichtungen gilt es, täglich die Balance zu finden zwischen der Würdigung der Individualität, den externen Rahmenbedingungen und den AWO-Werten.
Seit circa einem Jahr erarbeitet die Fachabteilung Kindertageseinrichtungen des Bezirksverbands in einem partizipativen Prozess gemeinsam mit Pädagog*innen und Einrichtungsleiter*innen eine neue Rahmenkonzeption. Das Engagement der Mitarbeiter*innen ist groß. Erste Ergebnisse zeigen, wie komplex die Arbeit in den Kitas geworden ist. Und wie wichtig eine konzeptionelle Grundlage ist, die diese Tatsache würdigt, verarbeitet und umsetzbar macht. Der Fokus liegt dabei unverändert auf den Kindern mit ihren Familien.
Foto: Cornelia Emili, Vorstandsvorsitzende des Bezirksverbands Oberbayern, bei der Demo für Demokratie in München Anfang 2025. © AWO-Bezirksverband Oberbayern e.V.
Kita früher und heute
Wie Gesellschaft und Umwelt haben sich auch Kindertageseinrichtungen in den letzten 200 Jahren rasant verändert und weiterentwickelt. So hatten im 19. Jahrhundert noch die meisten Einrichtungen den Begriff „Schule“ im Namen oder gar „Anstalt“. Entsprechend herrschte die Idee vor, Kinder zu versorgen und „aufzubewahren“, solange die Eltern arbeiteten. „Lernen fand eher beiläufig und wenig geplant statt“, sagt Linda Otte, Leitung der Abteilung Kindertageseinrichtungen beim Bezirksverband Oberbayern.
Heute verstehen sich Kinderkrippen, Kindergärten und Kinderhorte hingegen als Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungseinrichtung in einem. „Als lebendige Bildungsorte, in denen sich Kinder als aktiver Teil einer Gemeinschaft erleben“, berichtet Otte.
Foto: Linda Otte, Leitung Fachabteilung Kindertageseinrichtungen des Bezirksverbands Oberbayern
Angestoßen vom sogenannten Pisa-Schock gibt es seit 2001 umfangreiche Bildungsreformen in Deutschland. Die internationale Studie hatte dem Bildungssystem in Deutschland im internationalen Vergleich unterdurchschnittliche Noten bescheinigt. Das betraf vor allem die Lesekompetenz und Chancengleichheit von Kindern. Seitdem wird auch im frühkindlichen Bildungsbereich Bildungsdruck wahrgenommen. Die Kinder zu versorgen und „nur“ zu spielen in der Kita, reicht vermeintlich nicht mehr aus.
Dabei gilt Spielen als elementare Lernform. Im Spiel setzen sich Kinder mit sich selbst und ihrer Umwelt auseinander. Sie lernen Probleme zu lösen, kreativ zu sein, sich ausdauernd einer Tätigkeit zu widmen und erfahren Selbstwirksamkeit. So unterstützt das Spielen den Erwerb von Basiskompetenzen für das ganze Leben, die Entwicklung der eigenen Identität und das soziale Miteinander. „Spielen und Lernen sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Medaille (…)“, heißt es im Bayerischen Erziehungs- und Bildungsplan (BEP), der auf fast 500 Seiten „Leitlinien für die Bildung und Erziehung von Kindern bis zum Ende der Grundschulzeit“ gibt.
Moderne Lerntheorien widerlegen die Vorstellung, Bildung könne nur von Lehrenden (Erwachsene) an Lernende (Kinder) vermittelt werden. Heutzutage verstehen Pädagogig*innen Bildung als einen ganzheitlichen sozialen Prozess. Linda Otte: „In der pädagogischen Praxis fördern wir das Entstehen einer lernenden Gemeinschaft, indem wir die Perspektiven und Ideen der Kinder ernst nehmen.“
Bezugspersonen – Eltern, Omas, Opas und andere – empfinden manches, was sie in oder aus der Kita erfahren vielleicht als scheinbar selbstverständlich, lapidar und kindlich. Der wissenschaftliche Unterbau, die vielen Aspekte, die es im Miteinander in der Kita zu berücksichtigen gibt, sind für sie nicht immer direkt sichtbar. Aufgrund eigener Erfahrungen, Werte oder sprachlich-kulturellem Hintergrund haben sie auch andere Ideen und Wünsche für sich und ihre Kinder. Nichtsdestotrotz bilden Pädagog*innen und Familien in der partnerschaftlichen Zusammenarbeit ein Team.
Für das neue Rahmenkonzept des Bezirksverbands haben die Beteiligten folgende Formulierung gefunden: „Bildungs- und Erziehungspartnerschaft heißt für uns, gemeinsam mit den Familien in einer Atmosphäre von Vertrauen, Wertschätzung und Offenheit zum Wohl der Kinder zusammenzuarbeiten. Wir verstehen Familien als Träger von Rechten und Pflichten. Diese Überzeugung bildet für uns den Startpunkt einer gelingenden Kooperation und prägt unser Verständnis von gemeinsamer Verantwortung.“
Pädagogische Arbeit heute
Die Pädagog*innen der AWO Oberbayern verstehen sich als feinfühlige, verlässliche und liebevolle Entwicklungsbegleiterinnen und Vorbilder. Sie schaffen eine wertschätzende Lernumgebung und ermöglichen so vielfältige Entwicklungs- und Bildungschancen für Kinder. Sie geben Impulse, die die intrinsische Motivation und Selbstständigkeit der Kinder fördern.
Der Bezirksverband als Träger der Einrichtungen greift dieses professionalisierte Selbstverständnis auf und gestaltet Prozesse mit Beteiligung und Mitwirkung – vor allem, wenn es um Veränderungen geht. „Ich bin der Meinung, dass nachhaltige und stabile Veränderungsprozesse verschiedene Sichtweisen und unterschiedliche Kompetenzen brauchen“, sagt Linda Otte.
Herausforderungen der Kita-Arbeit
Die aktuellen Herausforderungen für Kindertageseinrichtungen sind vielfältig. Sie müssen beispielsweise mit knappen finanziellen Ressourcen der Kommunen (in deren rechtlichen Verantwortung die Sicherstellung der Kinderbetreuung liegt) umgehen und auch mit zum Teil zurückgehenden Kinderzahlen. Weitere Beispiele aus der Praxis sind die Qualitätssicherung trotz knapper zeitlicher Ressourcen, der Umgang mit den Medien bei einer immer schneller werdenden Digitalisierung sowie veränderte Anforderungen an Mitarbeiter*innen, Familien und Führung.
Linda Otte ist dennoch positiv gestimmt. Sie möchte die Herausforderungen annehmen und gemeinsam bearbeiten. „Mit Transparenz, Beziehung, Zusammenhalt, Unterstützung und einer klaren Vision.“ Denn: „Wir haben sowohl die Kompetenzen, das Wissen und auch das Engagement, Neues zu entwickeln und Beispiel für viele andere Einrichtungen sein zu können.“
Linda Quadflieg
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